Warum eigentlich Kindermusik?

Lilian und ich sind am Koffermarkt. Ein kleines Mädchen, wahrscheinlich 3 Jahre alt, schiebt seinen Bébéwagen vor sich hin und direkt an unseren Stand. Wir begrüssen es herzlich und ich meine «Do besch du jo grad am richtige Stand acho!» Der Vater kommt hinterher, schaut uns kaum an, obwohl ich ihn anspreche, ob er mal in unsere Kinderlieder-CD reinhören möchte. «Nei, mier hend scho dSchwiizergoofe dehei», packt seine Kleine am Arm und kehrt postwendend um. Wir stehen mit offenen Mündern und Fragezeichen im Gesicht da. Was war das denn eben?

 

Diese Begegnung hat uns alle veranlasst über den Sinn und Zweck unseres Vereins und damit überhaupt über Sinn und Zweck von Kindermusik nachzudenken. Im Folgenden fasse ich die Gedanken von Lilian, Sam Smiler und mir zusammen und ergänze sie um wissenschaftliche Erkenntnisse aus den Studien von Stefanie Stadler Elmer, die seit über 30 Jahren zur frühkindlichen Entwicklung und Musik forscht.

 

1. Zwei Arten von Eltern

Meiner Beobachtung nach gibt es zwei Arten von Eltern: 1. Diejenigen, die Kinderkultur als Teil unserer Kultur ansehen und sie anerkennen und 2. diejenigen, die mit Kinderkultur und damit Kindermusik am liebsten nichts zu tun hätten.

Es prallen zwei Welten aufeinander: Kinder sind voller Fantasie, unvoreingenommen, ehrlich, neugierig. In der Pädagogik reden wir von intrinsischer Motivation, wenn man etwas tut, weil man es will, weil man einen inneren Drang danach verspürt. Kinder lernen intrinsisch motiviert. Für sie ist alles Spiel und im Spiel lernen sie.

Im Laufe der Schulzeit verlernen wir aus unserem inneren Antrieb heraus zu lernen. Wir werden immer stärker von äusseren Faktoren gesteuert. Wir lernen, um gute Noten zu erhalten. Wir machen eine Weiterbildung, um einen guten Job zu bekommen. Wir tun alles, um etwas zu erreichen.

Bei Kindern ist der Weg das Ziel. Manchmal erreichen sie das Ziel nicht, weil der Weg so spannend ist. Wir Erwachsenen wollen das Ziel erreichen. Alles ist Wettbewerb. Wir wollen die Schnellsten, die Besten, die Erfolgreichsten sein. Das Ziel ist das Ziel, der Weg spielt keine Rolle.

Der Vater in unserer Begegnung symbolisiert für mich die typische vernunft- und verstandesgesteuerte Erwachsenenwelt. Das Kind zeigt die kindliche Neugier, die Aufgeschlossenheit und die Fantasie der Kinderwelt.

Die Kinder laden uns täglich in ihre Welt ein. Sie wollen spielen. Sie wollen mit uns spielen. Häufig passt das nicht in unsere Welt. Es macht keinen Sinn, das Spiel verfolgt keinen Zweck (ausser ein Spiel, bei dem man gewinnen kann), es gibt kein Ziel.

Was macht es mit uns Erwachsenen, wenn wir in die Kinderwelt eintauchen? Welche Chance bietet es unseren Kindern, wenn wir ihnen folgen?

 

2. In die Kinderwelt eintauchen

Bei unserem Sohn war es Lego, bei unserer Tochter die Musik. Die Einladungskarten in ihre Welt, meine ich. Mein Sohn wollte immer nur bauen. Mit 15 Monaten hat er die ersten Lego-Duplo erhalten und von da an hiess es bauen, bauen, bauen. Ich glaube, er war 2,5 Jahre alt, als wir einen Regentag lang in seinem Zimmer Lego-Welten bauten. Um 13.30 Uhr bemerkte ich, dass wir das Mittagessen ganz vergessen hatten, so im Flow waren wir. Ich konnte es kaum glauben.

Meine Tochter, heute 2,5 Jahre alt, fängt an zu singen. Immer und überall. Im Auto will sie immer das gleiche Lied hören, kaum ist sie eingestiegen. Wir haben unglaublich viel Spass beim Tanzen und Musizieren.

Zwei Kinder und zwei total unterschiedliche Wege mich in ihre Welt einzuladen. Welche Einladungskarte erhalten Sie von Ihrem Kind?

 

Das Gefühl von Flow, sich in eine Sache dermassen zu vertiefen, dass man hochkonzentriert an ihr arbeiten kann, kenne ich auch aus der Erwachsenenwelt. Wenn ich schreibe zum Beispiel, so wie jetzt gerade, erlebe ich Flow. In diesem Zustand geht das Lernen leicht. Flow beim Lernen erlebt man aber nur, wenn man intrinsisch motiviert ist. Kinder sind immer im Flow, wenn sie in einem Spiel vertieft sind (nicht, wenn sie schreien «Mir ist langweilig!» 😉).

Es ist eine grosse Chance, die die Kinder uns bieten, wenn wir in ihre Welt eintauchen und mit ihnen gemeinsam Flow erleben.

 

3. Gemeinsam im Fluss sein

Warum ist es eine grosse Chance gemeinsam mit unseren Kindern «Flow» zu erleben? Denken Sie daran zurück, als dies das letzte Mal der Fall war. Als sie gemeinsam mit Ihrem Kind total in eine Aktivität vertieft waren. Fühlten Sie sich einander nicht total nah? Gemeinsam im Flow sein bedeutet einander nah zu sein. Man versteht sich blind, ein Handgriff geht in den anderen, man ist ein Team. Gemeinsam im Flow sein ist wie eine Umarmung. Es ist ein Ausdruck von Liebe.

 

4. Was hat das mit Musik zu tun?

     «Musikalische Aktivitäten in der frühen Kindheit in Form von vielseitigen Anregungen und gemeinsamem Spielen knüpfen auf natürliche Weise an der vorhandenen Lernmotivation und dem Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit des Kindes an.» (Stadler Elmer, S. 201)

Sie sitzen mit ihrem Kind auf dem Schoss auf dem Sofa und singen «Schiffli fahred ufem See…». Das ist die musikalische Aktivität. Das Kind ist dafür motiviert und es fühlt sich sozial dazugehörig. Sie sind gemeinsam auf die Aktivität konzentriert und erleben vielleicht sogar Flow. Es entsteht eine liebevolle Begegnung. Was aber lernt das Kind dabei?

 

Das ist eine typische Frage aus der Erwachsenenwelt. Dem Kind ist diese Frage egal. Ich erinnere: Für das Kind ist der Weg das Ziel, es ist der Erwachsene, der immer ein (Lern-)Ziel haben will. Aber gut, für die Erwachsenen: Was lernt das Kind bei dieser musikalischen Aktivität?

  • Wortschatz (Mehr dazu im Blogbeitrag "Wie Kinderlieder beim Spracherwerb helfen")
  • Rhythmus
  • Musikalische Regeln
  • Sprechen und Singen (Kommunikation)
  • Aufmerksamkeit, Impulskontrolle
  • Bindung, Vertrauen
  • Kultur, Identität und damit Zugehörigkeit (Mehr dazu im Blogbeitrag «Wie Musik Identität stiftet» -> kommt bald!)

Wahrscheinlich sind es noch mehr. Interessant ist: «Eine wachsende Zahl von wissenschaftlichen Studien zeigt auf, dass sich Singen und aktives Musizieren in vielerlei Hinsicht günstig auf die soziale und kognitive Entwicklung von Kindern auswirkt. Ein früh beginnendes musikalisches Training verändert nachweislich einige nicht nur für Musikwahrnehmung und Musizieren wichtige Gehirnstrukturen. In einer Reihe von Studien wirkte sich musikalisches Training günstig auf mehrere sprachliche Fähigkeiten aus, auf das Lesen, auf den Erwerb einer Zweitsprache und auf den Spracherwerb von autistischen Kindern. Es förderte auch prosoziales Verhalten und Kooperation unter Kindern, das sozial-emotionale Wohlbefinden und den sozialen Zusammenhalt.» (Stadler Elmer, S. 200-201).

 

Liebe Eltern, beobachten Sie einfach nur Ihr Kleinkind: Wie reagiert es auf musikalische Aktivitäten?

 

Bei Laralena beobachtete ich ihre Reaktion auf Musik von Anbeginn der Schwangerschaft. Bereits im Bauch reagierte sie auf Musik (anders als mein älterer Sohn): Wenn ich sang, wurde sie ganz ruhig, so als würde sie zuhören. Wenn wir Musik hörten, tanzte sie mit. Mit 7 Monaten gab sie ihre ersten Laute von sich. Es klang wie Singen. Sie sang bevor sie sprechen konnte. Ihr Interesse an Klängen und Tönen war immer schon ausgeprägt (wie beim älteren Sohn auch schon). Kinder probieren alles aus, was für uns Lärm ist, kann für sie Musik sein. Später begann sie unsere Sprache nachzuahmen und unterdessen singt sie ganze Kinderlieder nach. Kinderlieder. Nicht «Erwachsenenlieder».

 

5. Der Wert von Kindermusik

     Nun sind wir beim wesentlichen Punkt. Klar, Kinder können auch «Erwachsenenmusik» hören. Theoretisch braucht es keine spezielle Kindermusik. Musik ist Musik. Klar, kommt jetzt ein grosses ABER.

 

Aber: Kindermusik ist eine Einladungskarte. Es ist nicht die einzige, aber es ist eben auch eine Einladungskarte der Kinder an uns in ihre Welt einzutreten. Genau wie Lego bauen.

 

Sie können jetzt anbringen, dass Kindermusik von Erwachsenen gemacht wird. Ja, das stimmt. Aber (war ja klar!): Kindermusikerinnen und -musiker schreiben ihre Lieder ganz bewusst für bestimmte Altersgruppen von Kindern. Sie schreiben über Themen, die die Kinder in diesem Alter beschäftigen. Sie schreiben Lieder, die Rituale begleiten und Aktivitäten anleiten. Sie benutzen dabei eine Sprache, die für die Kinder gut verständlich ist, arbeiten mit Reimen und Merksätzen. Musikalisch scheinen Kinderlieder oftmals wenig anspruchsvoll, aber das täuscht. Weil Wort und Musik so synchron aufeinander abgestimmt sind, erscheinen uns die Lieder einfach. Kinderlieder so zu komponieren ist aber eine Kunst! Wenn es Kindermusikern zusätzlich noch gelingt, eine Prise Ironie einzubauen, die vornehmlich die Erwachsenen verstehen, ohne dabei den Kindern das Verständnis eines Liedes zu erschweren, ist das hohe Kunst!

Deshalb unsere eindringliche Bitte: Wertschätzen Sie Kindermusik. Dann wertschätzen Sie auch Ihr Kind.

 

6. Eigene Hemmschuhe überwinden

     «Bislang werden die wissenschaftlichen Erkenntnisse kaum oder nur zögerlich in die Praxis umgesetzt. In der Ausbildung von Erziehern und Erzieherinnen ist Musik kaum ein Thema (…).» (Stadler Elmer,S. 203).

Warum nur? Musikalische Aktivitäten kosten nichts und bewirken so viel!

Viele Eltern melden mir zurück, dass sie gerne mit ihren Kindern singen möchten, aber nicht wissen, was und wie. Mir ging es ähnlich und ich ging auf die Suche. Es ärgert mich persönlich sehr, dass in Elternmagazinen so wenig über Kindermusik berichtet wird. Musiktipps sucht man weitläufig vergebens. Aber es gibt sie, die unermüdlichen Kämpfer für tolle Kindermusik! Wir porträtieren sie auf unserem Blog und geben ihnen eine Plattform.

Viele fühlen sich auch gehemmt, weil einfach drauf los zu singen, nicht so richtig zu unserer Kultur gehört. Wir möchten Sie ermutigen einfach zu singen! Um mit Kindern zu musizieren, muss man kein Musiker sein. Schrauben Sie Ihre Ansprüche runter, überwinden Sie sich und singen Sie einfach drauf los! Und wer doch etwas Anleitung möchte, es gibt überall grossartige Eltern-Kind-Musikkurse, wo Sie Verse und Lieder für einen musikalischen Alltag erlernen und üben können.

Wir wünschen Ihnen viel Spass dabei und viele wundervolle musikalische Momente mit Ihrem Kind, bei denen Sie gemeinsam im Flow sind. Alles Gute!

 

 

PS: Übrigens zum Thema «Schwiizergoofe». Dieses tolle Projekt ermöglicht es Kindern für Kinder zu singen. Die Zielgruppe stufen wir als Schulkinder ein. Für Vorschulkinder (wie das Kind in der Begegnung am Koffermarkt) gibt es Musik, die spezieller geeignet ist. Aber das nur am Rande...

 

Quellennachweis:

Stefanie Stadler Elmer "Kind und Musik - Das Entwicklungspotenzial erkennen und verstehen", Springer Verlag Berlin Heidelberg 2015. Mehr HIER.

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Kommentare: 1
  • #1

    Roland Zoss (Montag, 20 Mai 2019 15:56)

    Sehr schöne und wichtige Gedanken auf eurer Seite. Als ältester Kinderliedermacher der Deutschschweiz und hauptberuflich unterwegs stelle ich fest, dass die Kinder 2 Jahre früher "erwachsen (gemacht) werden" als 1999 als das Xenegugeli-Tier-ABC startete. Damit die magische Welt der Kindheit aus der wir alle kommen erhalten bleibt, schreibe und konzertere ich für die Kleinsten. Kinder kommen gern am Schluss: in den Medien, bei Events und sogar bei Plattenproduktionen, weil viele weniger aufwendig produzieren als Erwachsenen-Musik. Dabei sind die Kinder doch das Kostbarste, das wir haben. Lassen wir es wunderbar klingen, auf echten Instrumenten mit Texten auf Augenhöhe der Kleinsten. Herzliche Glückwünsche zu eurer Seite. Roland www.chinderlied.ch