Wie Kinderlieder beim Spracherwerb helfen

Mit Kinderliedern können Kinder wunderbar lernen. Aber auch wir Eltern können durch Kinderlieder viel über unsere Kinder lernen. 

 

Laralena ist gut 2,5 Jahre alt. Seit einiger Zeit schon singt sie "Det äne am Bärgli". Bei ihr klingt das so: "Det äne am Bärgli, det stoht e wiissi Geiss. Hed er eis ghaue, do haut sie mer eis. Duliduli duliduli duli duli duli duli du."

Korrekterweise würde der Text lauten: "Det äne am Bärgli, det stoht e wiissi Geiss. Ech ha sie welle melke, do haut sie mer eis."

Einige Zeit habe ich ihrer Version nicht weiter Beachtung geschenkt. Doch eines Abend dachte ich darüber nach und mir fiel etwas auf: Laralena hatte noch nie gesehen, wie eine Kuh gemelkt wurde. Ob sie deshalb die Zeile wegliess? Ich beschloss es auszuprobieren und erklärte ihr noch am selben Abend, was es mit dem Melken auf sich hatte. Anhand eines tollen Bilderbuches, das ich bisher unbeachtet in unserem Bücherregal fand, schauten wir uns den Bauernhof und die Kühe an. Ich erklärte ihr, dass ihr "Schoppen" Milch von Kühen sei und dass die Kühe wie auf dem Bild gemelkt werden, um die Milch zu gewinnen. Genau so könnten auch Geissen gemelkt werden und man könne Geissenmilch trinken. 

Ich war mir nicht sicher, ob diese Erklärungen helfen würden, da im Buch Kühe abgebildet waren und keine Geissen. 

Doch dann geschah etwas wirklich Spektakuläres: Am nächsten Morgen sang sie wieder "Det äne am Bärgli" und "Ha sie welle melke, do haut sie mer eis"! Ich war total perplex. Die kognitive Leistung war enorm. Laralena hatte nun gelernt, was Melken ist. Sie hatte es geschafft von den Kühen auf die Geissen zu schliessen und das Melken zu verstehen. Da sie es nun verstand, konnte sie auch den Text des Liedes verstehen und damit die richtige Textzeile singen. Dass sie das in diesem Tempo lernte, erstaunt mich nach wie vor. Es war nur eine kleine Wissenslücke zu schliessen und sie war fähig, ein Kinderlied mit 4 Zeilen in Melodie und Text korrekt zu singen. 

In diesem Moment der Erkenntnis bereute ich es so sehr, dass ich bei meinem älteren Sohn noch nicht darauf geachtet hatte, wie er Lieder sang. Bei Laralena kann ich nun anhand ihres Lieder-Nachsingens erkennen, welche Wörter sie wirklich beherrscht, welche Sachen sie wirklich kennt und verstanden hat. Im Endeffekt verstehe ich sie viel besser. Wir haben also beide etwas vom Kinderlieder-Singen: Ich lerne täglich meine Tochter besser kennen und auch sie lernt täglich neue Wörter und Zusammenhänge. 

 

Aber welche Lieder sind denn dafür geeignet? Meiner eigenen Beobachtung nach ist es wichtig, dass die Lieder bzw. die Liedtexte umso einfacher sind, desto jünger das Kind ist. Oder umgekehrt: Umso älter das Kind ist, desto anspruchsvoller darf auch der Text sein. 

In der Schweizer Kindermusikszene ist es nicht so einfach, neue Kinderlieder für Kleinkinder zu finden. Viele Kindermusiker haben einen sehr hohen poetischen Anspruch und entsprechend erzählen die Liedtexte tolle Geschichten, meistens aber erst für Schulkinder. Für ein 2-jähriges Kind ist viel Text einfach noch zu schwierig zu verarbeiten.

Ein tolles geeignetes Beispiel ist das Lied "Rägewurm" von Nelly Gyimesi (Tischbombe). Es war eines der ersten Lieder, das Laralena vollständig und korrekt singen konnte: Video der "Musigzwergli" von Nelly.

Sie ahnen warum: Der Text ist simpel und hat viele Wiederholungen: "De Rägewurm esch chorz. De Rägewurm esch lang." Laralena hatte bereits einen Regenwurm gesehen, wusste also, was das für ein Tier war. Sie wusste, es gab längere und kürzere Regenwürmer und konnte deshalb den Text mit ihrer Erfahrung verknüpfen. So war es für sie ziemlich einfach, das Lied zu lernen. Was für eine kognitive Leistung mit 2 Jahren! Sie selbst fühlte sich dabei selbstwirksam und war so stolz, dass sie das Lied mitsingen und auch für sich selber singen konnte. Natürlich lobten wir sie und sie strahlte über das ganze Gesicht! 

Unterdessen singt sie bereits Lieder mit mehreren Textzeilen (wie oben das beschriebene "Det äne am Bärgli"). Anhand der Komplexität der Kinderlieder erkennen wir Eltern die Fortschritte unserer Kinder beim Spracherwerb. 

Stefanie Stadler Elmer schreibt in "Kind und Musik" zum Spracherwerb mit Kinderliedern:

"Bereits sehr kleine Kinder können solche feinen Unterschiede in Dauer und Betonung von Silben und Tönen erstaunlich differenziert wahrnehmen. Diese Wahrnehmungsfähigkeit (bereits im ersten Lebensjahr!) ist nicht nur für Musikverständnis und -praxis wichtig, sondern auch für den Spracherwerb. Aber beim Singen ist sie auffälliger als beim Sprechen. Kinderlieder bieten daher durch ihre musikalischen Komponenten Kindern bereits in der vorsprachlichen Zeit und beim Spracherwerb beste Gelegenheiten, mit den prosodischen Besonderheiten* ihrer Muttersprache vertraut zu werden und Modelle oder Vorbilder für Wörter und ganze Sätze zu lernen. Da Lieder zudem oft wiederholt werden, kann der Liedtext eine wichtige Ausgangsbasis für den Spracherwerb sein." (Stadler Elmer, S. 84)

*prosodische Besonderheiten: Wort- und Satzakzent, Intonation, Satzmelodie, Tempo, Rhythmus und Pausen betreffende Besonderheiten der Muttersprache.

 

Nun ist es aber natürlich nicht die Idee unsere Kinder einfach vor die Toniebox oder Youtube zu setzen. Damit das funktioniert, brauchen die Kinder reale Personen, denen sie das Singen nachmachen können: 

"Es ist allerdings wichtig, dass "leibhaftige" Personen mit dem Kleinstkind singen und das Liedersingen nicht etwa einem Tonträger überlassen. Kinder brauchen in der frühen Phase des Spracherwerbs ein unmittelbares und auch anschaubares Vorbild, denn sie nutzen beim Erlernen der Sprache und des Singens die Übereinstimmung von Mundbewegungen, Mimik, Körperbewegungen, Gestik und gehörtem Sprechen/Gesang mit seiner Prosodie und Melodik." (Stadler Elmer, S. 84)

 

Bei all dieser Theorie werde ich nie vergessen, wie Laralena mit 7 Monaten zum ersten Mal "gesungen" hat. Sie hat vier klingende Töne in einer Reihenfolge von sich gegeben, die mich zu diesem Lied inspiriert haben (Laralena's Töne sind die Töne beim Text "(Jede) Tag läbed mier"):

 

Wir singen viel. Nicht nur aus pädagogischen Gründen. In erster Linie weil es uns einfach Freude macht und wir durch Musik auch unsere Gefühle gut ausdrücken können (mehr zu Musik und Affektregulation im nächsten Blogbeitrag). Mich motiviert Musik im Familienalltag (z.B. wenn ich zum hundertsten Mal mein Gesicht zum Schminken hinhalten muss. Siehe HIER.) Unterdessen lernt Laralena aber tatsächlich auch mal ein Lied bei Youtube (z.B. "Mini Farb ond dini" auf dem Youtube-Kanal von swissmom.ch Chinder Musig Wält)!

Ich wünsche Ihnen von Herzen spannende und erhellende musikalische Momente!

Sie haben es sich verdient und genau so ihr Kind.

 

Heb dier Sorg, Miriam

 

Quellennachweis:

Stefanie Stadler Elmer "Kind und Musik - Das Entwicklungspotenzial erkennen und verstehen", Springer Verlag Berlin Heidelberg 2015. Mehr HIER.

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