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Roland Zoss und die Bäume

Roland Zoss' neuestes Werk sind die Baumlieder. Zu Bäumen hat er eine besondere Beziehung. Genau wie zu Kindern und zu Kindermusik. Wir hatten 10 brennende Fragen an ihn und er hat sich Zeit genommen unsere Neugier zu löschen. Danke Roland!

 

1.    Lieber Roland. Ich muss leider ehrlich gestehen: Bisher kannte ich dich nicht. Wenn ich sehe, wie lange du bereits Kinderlieder schreibst und was du in diesen 20 Jahren alles geschaffen hast, muss ich mich wirklich dafür schämen. Aber bei uns in der Region Luzern bin ich dir noch nie begegnet. Wenn ich deinen aktuellen Konzertkalender ansehe, bist du fast nur in der Region Bern unterwegs. Warum?

In den letzten Jahren spielte ich zwei Jimmy Flitz-Schultourneen in der Innerschweiz mit je rund 20 Auftritten an Schulen -m

von Feusisberg über Gettnau bis Stans. Erstmals trat die Jimmy Flitz-Band mit dem Weltmusik-Album «Muku-Tiki-Mu» ab

2002 schweizweit bei Kinderkonzerten auf. Damals gab es die 4 Kinderliederschreiber: Andrew Bond, Linard Bardill,

Stärneföifi und mich. Dann entwickelte sich ein Kinderlieder-Boom mit zwei Dutzend Bands. Die Szene veränderte sich,

wurde schnellebiger. Seit den Playback-singenden Schwiizergoofe gibt es zum Glück wieder eine Art «Rückbesinnung» auf

guten Live-Sound und Kindermusik-Urgesteine».

 

2.    Würdest du dir wünschen mehr in der ganzen Schweiz unterwegs zu sein? Was bräuchte es, damit das möglich wird?

Eigentlich hat Jimmy Flitz schon alle grösseren Städte besungen in 20 Jahren touren. Einzig Schaffhausen und die

Westschweiz nicht (obschon wir das ABC Xenegugeli auch auf Französisch anbieten). Der Hauptgrund, dass ich mehr im

Raum Bern auftrete, ist, dass ich nie einen Booker noch «Manager» hatte. Interessierte Orte und Schulen meldeten und

melden sich direkt bei mir. So wie auch alle CDs in Eigenregie bei Sound Service produziert habe.

 

3.    Das Tier-ABC Xenegugeli feiert sein 20-jähriges Jubiläum. Was war 1999 deine Motivation Tier-Lieder zu jedem Buchstaben zu schreiben? Wie kamst du auf die Idee?

Die Motivation war meine 3-jährige Tochter und eine Buchhändlerin, die mir 1998 klagte, dass es keine modernen

berndeutsche Mundartlieder und Kinder-Verse gäbe. Als deutscher Liedermacher könne ich doch mal etwas für die Kleinen

schreiben. Die Grundidee zum Bestseller «Xenegugeli» kam dann in einer Traumvision zu mir, quasi fixfertig samt

illustriertem Bilderbuch und den ABC-Tierliedern.

 

4.    Dein neuestes Herzensprojekt sind die Baumlieder. Kannst du uns darüber erzählen?

Bevor ich (spät) Papa wurde, waren subtropischen Bäume meine «Kinder». Zypresse, Olive, Zitrone - Baobab, Erdbeerbaum,

Karube - Eukalyptus, Lorbeer, Mimose und Banyanbäume: Sie und noch viele andere pflanzte ich auf einer kleinen

Mittelmeerinsel, wo ich mit 25 Jahren mein Paradies fand. In meiner schlichten Wohnhöhle aus Tuff entstanden über zwei

Dutzend CDs. Und als Letztes die Alben "Bäume des Südens" und "Bäume des Nordens". Die Lieder sind als Wertschätzung

für die geschundene «Mutter Erde» gedacht, wo die Bäume, unserer grünen Geschwister, die Grundlage für Mensch und Tier

schufen: die Sauerstoff-Atmosphäre. Bäume sind seit Jahrmillionen da. Sie sind Luft für uns – und wir hochbegabten Säuger

kennen kaum ihre Namen!

 

5.   Du hast mir geschrieben, dass Kinder zwei Jahre früher erwachsen gemacht werden als früher und dass du die magische Welt der Kinder erhalten möchtest. Was raubt den Kindern deiner Ansicht nach die Kindheit? Worauf sollen wir Eltern achten? Du darfst jetzt ruhig pädagogisch werden!

Entweder ist es der Arbeitsmarkt, der immer rascher multi-taskende Arbeitsbienen sucht und so Stress auf die Eltern ausübt

ihr Kind früh zu fördern. Oder es ist eine kosmische Entwicklung. Oder von beidem etwas. Die Kindheit raubt man seinen

Liebsten, wenn man sie auf Schulleistungen trimmt, anstatt sie möglichst lange frei spielen zu lassen und selbständig nach

Lösungen zu suchen.

Die Kindheit geht so rasch vorbei. Heutzutage nach zirka 10-12 Jahren. Erwachsen sein kannst du noch 6 mal länger. Daher

plädiere ich für eine ausgiebige Kindheit. In der Natur, nahe von Wind, Sonne und Regen mit wenigen digitalen und

technischen Anreizen. Ein Waldrand genügt einem Kind, um ein neues Universum zu errichten. Kinder sind (für mich als

ehemaliger Ethnologe) die letzten Urvölker in unserer Zuvielisation.

 

6.   Unserer Ansicht nach ist Kindermusik eine Eintrittskarte in die kindliche Welt der Fantasie, die auch uns Erwachsenen in dieser schnellebigen Welt hilft zur Ruhe zukommen. Musik verbindet uns mit unseren Kindern.

      Generell erlebe ich die Schweizer aber als wahnsinnig zurückhaltend. Vor Kurzem war ich an einer Schulaufführung nach der Projektwoche meines Sohnes mit der Gruppe SSASSA. Es war fantastisch! Ich war fast die Einzige von mehreren hundert Gästen, die mitgetanzt und mitgesungen hat.  Wir Erwachsenen tun uns so wahnsinnig schwer, Begeisterung zu zeigen und einfach unser Herz der Musik zu öffnen. Empfindest du das auch so oder wie sind deine Erfahrungen mit den grossen und kleinen Gästen, die deine Konzerte besuchen?

Da ich selbst einen Grossteil im heissen Süden Italiens verbringe, glaube ich zu wissen, was du meinst: den Augenblick

feiern, alles vergessen, aus der Haut fahren im Rhythmus der Musik. Aber nicht alle sind gleich gestrickt. Jeder hat sein

eigenes Temperament. Es kann je nach Umfeld falsch sein, Kinder ab dem ersten Song klatschend mitreissen zu wollen.

Viele brauchen Zeit und kommen erst gegen Schluss vom Konzert aus sich heraus. Andere geniessen einfach staunend,

saugen still für sich die Eindrücke optisch und akustisch auf.

Eine urbane Kindergruppe aus der Agglo Zürich und eine Schar aus dem Eriz im tiefsten Emmental liegen in Tempo und

Temparament weiter auseinander als Kids von New York und Neu Delhi.

Ich habe da eine Faustregel aufgestellt: Je langsamer Lieder  sind – umso länger geht es bis sie beim Publikum ankommen.

Tempofetzer und Schenkelklopfer-Hits sind zwar rasch beim Publikum – aber… sie verleiden einem auch rascher!

 

7.   Du bist ja auch auf den neuen Medien präsent. Es gibt einen JimmyFlitz-Youtubekanal und vor allem eine preisgekrönte          App zum Tier-ABC. Wie stehst du zu den neuen Medien?

Das Internet und die neuen Medien sind eine feine Sache, wenn man eine Nische findet. Glücklicherweise kam das        «ABC-Dino Xenegugeli» schon 2009 in den iTunes Shop. Als erste deutsche ABC-Lern-APP. Von Hand gezeichnet und animiert, mit feinen Musikern bespielt: ein kleines Kunstwerk. Zehn Jahre später ist die App immer noch da, umgeben von gratis ABCs. Empfohlen von Pädagogen – geliebt von Kindern. In 5 Sprachen. Spricht das nicht für seine (Schweizer) Qualität?

 

8.   Wir suchen ja in erster Linie Musik für Vorschulkinder. Ab welchem Alter würdest du deine Musik empfehlen?

Ab Geburt: Ängelsmusic und Schlummerland. Ab 3 Jahren: Xenegugeli ABC, Liedermärli. Ab 5 Jahren: JimmyFlitz und Güschi-Musikhörspielreihe, SingDing und Muku-Tiki-Mu. Ab 8 Jahren: Baumlieder. Siehe: www.chinderlied.ch

  

9.    Wow, du hast eine Menge wundervoller Kindermusik erklingen lassen! Für jedes Alter ist etwas dabei. Die Baumlieder sind genauso für Kinder und Erwachsene und nach dem sehr erfolgreichen Verkauf der CD's an euren Jubiläumskonzerten sind wirklich Gross und Klein davon begeistert. Worin unterscheidet sich deiner Meinung nach «Erwachsenen-Musik» von «Kinder-Musik»? Gibt es überhaupt einen Unterschied? Muss es überhaupt einen geben?

Kindermusik ist leicht fassbar. Eine eingängige Melodie (Yellow Submarine/Beatles) - eine originelle Idee wie das Birchermüsli (SingDing-Album), das über die Herkunft seiner Zutaten singt – oder eine berührende Stimme (I ha di gärn). Kinder sind das Beste, was wir haben! Sollten wir nicht auch die beste Musik für sie produzieren? Keinen Aufwand scheuen? Dass grosse Kindermusiklabels eine Limite von 10'000 Franken für eine Kinder-CD setzen, ist für mich abstrus. Wer Kinderalben nur in Hinblick auf den kommerziellen Erfolg herausgibt, dem fehlt es irgendwie am Herz für Kinder.     

 

10.  Mit unserem Blog möchten wir Eltern eine Anlaufstelle bieten, sich gezielt über Schweizer Kindermusik zu informieren und Kindermusikern eine Plattform, um sich besser zu vernetzen. Wie wünscht du dir, dass sich die Schweizer Kindermusikszene weiterentwickelt?

Jimmy Flitz wünscht sich: Weniger Computerssampler – mehr echte Instrumente. Weniger Mainstream  – mehr Authentizität. Weniger Herz für Kohle - mehr Herz für Kinder. Feinfühlig bleiben, Goof sein auf Augenhöhe der Kleinsten. In allen Dialekten, die das Märchenland Schweiz hergibt. 

 

Herzlichen Dank Roland Zoss für dein grosses Herz für Kinder, dein Engagement, deine Feinfühligkeit, dein Goof sein auf Augenhöhe der Kleinsten! Danke von ganzem Herzen. 

Miriam von kitalieder.ch

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