Rituale im Schul- und Familienalltag

Ein Gespräch unter Musikerinnen und Lehrerinnen: Sarah S, unsere rasende Reporterin, befragt von Miriam zu mit Musik begleiteten Ritualen im Schul- und Familienalltag.

 

Liebe Sarah S. Du bist ausgebildete Primarlehrerin und Schulleiterin, hast neben deinem Beruf noch ein Psychologie-Studium abgeschlossen und machst Musik. Welche Rolle spielt Musik im Schulalltag?

Als Lehrperson ist es mir sehr wichtig, dass Musik Platz in meinem Schulalltag hat. Nicht im Sinne Musiktheorie zu vermitteln, sondern Musik für Rituale einzusetzen.

Bei 23 Schülerinnen und Schülern in einer altersdurchmischten 1. - 3. Klasse, teilweise mit speziellem Förderungsbedarf, stellte sich mir die Frage, wie ich Ruhe in eine solche Klasse bringen kann. Was hat mir im Schulalltag besonders geholfen? Rituale mit Musik. Das hat damit begonnen, dass die Kinder am Morgen mit ruhiger Musik begrüsst werden. Stell dir vor, "es hed gräblet", wenn die Kinder am Morgen ins Schulhaus reinkamen. Wenn "meine" dann die Musik im Schulzimmer hörten, wussten die Kinder sofort, dass sie in den Kreis kommen sollen und es bald losgeht. Ich musste den Kindern dann nur kurz Zeit lassen und warten. Die Ruhe kam mit der Musik von allein. Oder auch beim Aufräumen: Ein Lied laufen lassen und die Kinder wissen, aha, jetzt räume ich auf und gehe wieder ruhig an den Platz. Das hat mir meinen Job gerade auf der Unterstufe sehr erleichtert. Ich musste nicht laut werden, was ich grundsätzlich nicht mag. Mit Musik kann ich extrem viel abfedern. Leider geht das Einsetzen von Musik für Rituale mit höherer Stufe immer mehr verloren. 

Möchten denn die Lehrpersonen mehr Musik machen?

Lehrpersonen sind meiner Erfahrung nach sehr offen und viele machen selbst Musik, spielten bereits vor der Lehrerausbildung ein Instrument oder singen gern. Weiterbildungen in diesem Bereich sind sehr beliebt, aber leider wiederholen sich immer die gleichen Konzepte. 

Was bräuchte es denn vermehrt, um Musik im Schulalltag zu fördern?

Als Lehrperson kann ich nichts tun, von dem ich nicht selbst total überzeugt bin. Wie ein Verkäufer, der Porsches verkaufen soll, aber selbst diese Marke überhaupt nicht mag, keine Porsches verkaufen wird, kann auch ein Lehrer die Kinder nicht zu etwas motivieren, wovon er selbst nicht überzeugt ist. 

So müsste es mehr darum gehen, Lehrpersonen in ihrer eigenen Kreativität zu bestärken. Zum Beispiel ausgehend von bekannten Liedern, die der Lehrperson gefallen. Wie mache ich daraus Lieder, die ich zur Ritualbegleitung einsetzen kann? Welche Lieder gibt es überhaupt bereits für diesen Zweck? Was passt zu mir? Wie gestalte ich die Liedbegleitung? Wie setze ich das konkret um? 

 

Gibt es denn dafür nicht bereits Lehrmittel oder Literatur?

Ja, gibt es. Aber sei ehrlich: Hast du Lust und Zeit, dich für ein neues Lied jedes Mal hinzusetzen, einen Fachartikel zu lesen, dich hineinzudenken, was der Autor oder die Autorin nun genau wollte, dies einzustudieren und die Umsetzung mit der eigenen Klasse zu planen?

Nein, das gebe ich zu. Ich muss ein neues Lied sofort verstehen, sonst lasse ich es bleiben. Und das bedeutet, ich muss es hören und … ja, auch fühlen.

Genau! Jede Klasse ist anders. Jede Lehrperson hat einen anderen Musikgeschmack, den sie auch ausleben dürfen soll. Es ist schwierig, hier konkrete Vorgaben zu machen.

Super wären Workshops, in denen die Lehrpersonen angeleitet werden, wie sie selbst Lieder komponieren oder Lieder verändern, weiterentwickeln und an ihre Rituale anpassen können. Wie sie gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern kreativ werden und zusammen einen für alle stimmigen musikalisch begleiteten Schulalltag gestalten können.

 

Kannst du denn ein Beispiel machen, welche Lieder du für deine Rituale eingesetzt hast?

Vor allem ruhige Lieder, meist die Instrumentalversion, wie beispielsweise von "Sunnestraal tanz emaal" von Andrew Bond.

 

Setzt du Musik auch ausserhalb des Schulalltags als Ritualbegleitung ein?

Ja, Musik begleitet uns durch den Familien-Alltag. Super klappt immer ein Aufräum-Lied*, wie schon Mary Poppins vorgeschlagen hat. Dann geht's bedeutend schneller bis Ordnung ist und die Kinder helfen ruckzuck mit.

 

*z.B. "Ufruume, ufruume" von "Lozärner Kitalieder - 12 Lieder för jedi Stond vom Tag". Erhältlich im SHOP.

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